Kunstgespräch

Ulrike Theusner im Gespräch mit Kasia Lorenc

Kasia Lorenc: Liebe Ulrike, als wir die Ausstellung konzipiert haben, war es uns wichtig, die Vielfalt deiner Techniken und teilweise auch wiederkehrende Motive zu präsentieren. So haben wir uns auch entschieden, die Arbeiten nach Werkgruppen zu zeigen, wie die jüngste 12-teilige Monotypie-Serie Concierto de esqueletos aus dem Jahr 2021/2022, nach Techniken, wie die monochromen Kaltnadelradierungen im Kubus, und nach Themen, mit dem Schwerpunkt auf die Einzelporträts im zweiten Stock. Erzähle uns bitte, wann und wie du entscheidest, welche Arbeiten als Solitär und welche als Werkreihe angelegt werden und welche Technik und Größe passend ist?

Ulrike Theusner: Oft verbindet die einzelnen Arbeiten ein übergeordnetes Thema, so dass sich daraus eine Serie entwickelt, deren Umfang allerdings erst im Laufe des Arbeitsprozesses deutlich wird. Bei den aktuell entstandenen und für unsere Ausstellung titelgebenden „Kapriolen“, handelt es sich beispielweise um mehrere Tusche-Aquarelle zum Thema „Weird feelings“ (dt. Seltsame Gefühle), die in ihrem skizzenhaften und tagebuchartigen Charakter innere Zustände und Gefühle des Unbehagens darstellen. Die Serie ist noch nicht abgeschlossen und wird kontinuierlich fortgeführt, die ersten 24 Arbeiten sind in der Ausstellung zu sehen. Während es sich dabei um kleine Formate handelt, die das Gefühl einer Notiz, eines Einfalls, einer Kapriole vermitteln sollen, ist bei einigen Arbeiten das Großformat wichtig, um den Inhalt zu transportieren und so nah wie möglich erfahrbar zu machen. Die mehrteilige Tuschearbeit „Die Parade“ zeigt einen Karnevalsumzug mit unheimlichen Fratzen und Gesichtern, die auf die Betrachtenden zumarschieren und sie unmittelbar ins Geschehen ziehen. Deshalb habe ich für diese Arbeit eine Höhe von über zwei Metern ausgewählt, ebenso wie bei der Tuschezeichnung „The arduous crossing to Miami Beach“ (dt. Die beschwerliche Überfahrt nach Miami Beach), die sich auf Géricaults Gemälde „Das Floß der Medusa“ bezieht. Die Betrachtenden sollen das Gefühl bekommen, in das chaotische Geschehen direkt involviert zu sein. Die Großformate sind Einzelarbeiten, die sich jedoch oft aus einer vorangegangen seriellen Arbeit ergeben. Sie evozieren ein besonderes Raumgefühl, während die kleineren Formate das Gefühl von Intimität verstärken. Beide wirken unmittelbar und direkt und so entscheide ich je nach Motiv, welche Größe am besten geeignet ist, den Inhalt zu vermitteln. Dabei probiere ich viele verschiedene Techniken, Formate und Medien aus, immer ausgehend von einer ersten Bleistiftskizze aus meinem Skizzenbuch.

»Ulrike Theusner. Kapriolen« Kunsthalle Gevelsberg 2022. Foto: Kevin Krautgartner
»Ulrike Theusner. Kapriolen« Kunsthalle Gevelsberg 2022. Foto: Kevin Krautgartner

KL: In einer Rezension in der „Weltkunst“ wurdest du als eine Künstlerin beschrieben, „die ihren Bezug zur Kunstgeschichte nicht verleugnet“. Die Werke sind skurril, schräg und unangepasst wie die der belgischen Symbolisten; auch die Vergleiche zu Munch und Van Gogh liegen nahe. Welche Rolle spielen die kunstgeschichtlichen Referenzen?

UT: Tatsächlich waren die Vorexpressionisten als Wegbereiter der Moderne und der totalen Befreiung der Kunst von allen Vorgaben und Zwängen für mich sehr wegweisend, ebenso wie die gesellschaftskritische Kunst der Neuen Sachlichkeit, aber auch die Alten Meister, vor allem Goya und Rembrandt, deren druckgrafisches Werk ich während des Studiums viel studiert habe. Mich fasziniert auch die Klarheit der Spätklassik, der Eskapismus der Romantik, das Überbordende des Barock. Die Einflüsse sind vielfältig. Da ich mich viel mit Kunstgeschichte beschäftige und während meines Studiums oft vor Originalen in Museen geübt habe, bleiben gewisse Einflüsse nicht aus – und wo kann ich besser lernen als bei vorangegangen Meistern? Dabei korrespondiere ich zumeist mit jenen Künstlern, die meiner eigenen Herangehensweise, die sehr intuitiv und sinnlich ist, nahekommen. Einige Arbeiten beziehen sich auch direkt auf Werke der Kunstgeschichte, wie Hogarths Druckgrafikzyklus „A Rakes Progress“ (dt. Der Werdegang eines Wüstlings), der bereits Strawinsky zu einer Oper und David Hockney zu einer Grafikserie inspirierte. Mich leitete die Geschichte des Niedergangs eines reichen Kaufmannserben, der trotz aller Möglichkeiten sein Vermögen verspielt und schließlich im Irrenhaus landet, zu einer Serie von Ätzradierungen und Tuschezeichnungen.

»Ulrike Theusner. Kapriolen« Kunsthalle Gevelsberg 2022. Foto: Kevin Krautgartner
»Ulrike Theusner. Kapriolen« Kunsthalle Gevelsberg 2022. Foto: Kevin Krautgartner

KL: Masken, Selbstinszenierung, Parade und Pose. Beim Sichten deiner Werke muss ich unwillkürlich an das Theater denken. Die Werke gleichen einer rasanten Erzählung in einem grandios choreografierten Chaos. Wie entsteht das Performative, das Nicht-Statische?

UT: Das Leben als große Bühne zu betrachten, wohnt mir schon seit Kindheitstagen inne. Damals habe ich immer kleine Bühnen gebaut und Vorstellungen gegeben, ein ständiges Konzert tanzender Figuren lief in meinem Kopf ab. Das Spielerische in der Kunst beizubehalten, ist mir wichtig. Die Themen Karneval, Zirkus, Glücksspiel, Halbwelt-Bars und Gestalten der Nacht, bis hin zu tanzenden Dämonen, tauchen immer wieder auf. Es sind Zustände außerhalb des Normalen, am Rande der Gesellschaft und doch auch mittendrin – dabei spielen Masken in den Bildwelten immer wieder eine große Rolle, denn sie haben in ihrer Funktion als übergeordnetes Ich etwas sehr Urtümliches und Archaisches und enthüllen mehr, als sie verbergen. Es ist das Abgründige, das Unsichtbare, das im Dunkeln Liegende, das Reich der Gefühle, Triebe und Sehnsüchte, das Wahnsinnige, das Unerklärliche, das uns oft mit Angst erfüllt und dem wir uns hilflos ausgeliefert fühlen, da wir befürchten, die Kontrolle zu verlieren. Die Kunst schafft einen Zugang zu dieser Welt und macht das Unsagbare sichtbar. Sie hält uns jene Wege offen, die sonst verschlossen und selten betreten werden – wie in einem Theaterstück kann man in diese Welt eintauchen und gestärkt zurückkehren, um die Wirklichkeit vielleicht etwas anders zu betrachten.

»Ulrike Theusner. Kapriolen« Kunsthalle Gevelsberg 2022. Foto: Kevin Krautgartner
»Ulrike Theusner. Kapriolen« Kunsthalle Gevelsberg 2022. Foto: Kevin Krautgartner

KL: In einem Gespräch hast du die Wirkung der einzelnen Linie hervorgehoben. Die Linie – wie ein Faserbündel – hält alles zusammen. Zugleich muss sie manchmal der dominierenden Farbigkeit weichen. Diese Ambivalenzen und Dichotomien tauchen auch thematisch auf: die Protagonisten deiner Werke blicken die Betrachtenden sehr selbstbewusst an, sind aber nicht überheblich oder eingebildet, sie wirken eher verloren in dieser Welt. In süßlich-bunten Zeichnungen werden teilweise schaurige und unheimliche, obszöne und sexualisierte Geschichten erzählt. Verspieltheit und Lust treffen auf Schmerz und Leid. Vieles ist nicht eindeutig und das Gemüt schwankt. Woher kommt diese Überspannung?

UT: Das Ausstellungsmotiv beschreibt diesen wankelmütigen Zustand sehr gut: ein Engel tastet sich mit verbundenen Augen durch die Zeit. Darunter steht „Je ne sais pas quoi faire“ (dt. Ich weiß nicht was ich tun soll) in Anlehnung an Godards Film „Pierrot le Fou“. So scheinen auch die Protagonisten meiner Bilder auf der Suche nach Orientierung zu sein, erstarrt zwischen der Fülle an Möglichkeiten und einer inneren Leere. In dieser Ambivalenz baut sich eine Spannung auf, wie in den Porträts „Ilva“ und „Taylor“, zwei eigens für diese Ausstellung entstandenen Kaltnadelradierungen. Die beiden Porträtierten wirken zugleich interessiert und doch verschlossen, verloren zwischen der eigenen Überinszenierung und der Suche nach Authentizität, zwischen Fremdbestimmung und den eigenen wahren Bedürfnissen, neugierig und zurückhaltend in einer Welt, die ihnen offensteht und doch nur vermeintlich alle Möglichkeiten bietet. Die als selbstverständlich erachtete Sicherheit wird zunehmend in Frage gestellt angesichts der starken Probleme, die uns belasten und die bis hin zur Existenzgefährdung reichen. Die Kunst spiegelt die Stimmung der gesellschaftlichen Zustände wider. So sprechen die Porträts oft von Orientierungslosigkeit in Zeiten großer Unsicherheit. Doch aus der Lethargie erwächst allmählich die Bereitschaft zum Aufbruch und der Mut zur Veränderung, was sich in den Bildnissen auch wiederfindet.

»Ulrike Theusner. Kapriolen« Kunsthalle Gevelsberg 2022. Foto: Kevin Krautgartner
»Ulrike Theusner. Kapriolen« Kunsthalle Gevelsberg 2022. Foto: Kevin Krautgartner

KL: Die Arbeiten der Einzelausstellung „Kapriolen“, die zur Hälfte eine Leihgabe der Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin sind, zur Hälfte aus der Sammlung Hense stammen und durch zwei Arbeiten aus einer Kölner Privatsammlung ergänzt werden, stellen einen musealen Überblick von 2014 bis heute dar und sind noch bis Mitte Juni hier bei uns zu sehen. Den Abschluss bildet eine Finissage (am 19.6.), die zugleich der erste Geburtstag der Kunsthalle sein wird. Aber was steht 2022 sonst noch bei dir an?

UT: Im Juni werde ich mit der Galerie EIGEN + ART auf der Art Basel vertreten sein, kurz darauf folgt die von Andrea von Goetz initiierte Ausstellung „sommer.frische.kunst“ in Bad Gastein, die am 22. Juli eröffnet. Parallel findet eine Gruppenausstellung der VNG Art in Leipzig und im September im Kunstraum Bethanien in Berlin statt.